Sonnenaufgang und Sonnenuntergang am Äquator
Mia Chow · · Aktualisiert am · Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Wenn Sie genau am Äquator lebten, ginge die Sonne im Januar fast zur selben Uhrzeit auf und unter wie im Juli. Keine langen Sommerabende, keine dunklen Winternachmittage, nur derselbe gleichmäßige Rhythmus, Tag für Tag, das ganze Jahr über.
Der Tag dauert das ganze Jahr zwischen 12 Std. 6 Min. und 12 Std. 8 Min., trotzdem verschiebt sich der Sonnenaufgang um etwa 31 Minuten: Die Neigung der Erdachse und die elliptische Umlaufbahn lassen den wahren Mittag im Lauf des Jahres wandern (die Zeitgleichung).
Überall sonst auf der Erde ändert sich die Tageslänge mit den Jahreszeiten. Der Äquator ist der einzige Ort, an dem sie fast gleich bleibt. Das macht ihn so besonders.
Warum der Tag immer etwa 12 Stunden dauert
Während die Erde um die Sonne läuft, bleibt ihre Achse um etwa 23,5 Grad geneigt. Diese Neigung sorgt auf dem größten Teil der Erde für Jahreszeiten: Ein halbes Jahr lang ist Ihre Halbkugel der Sonne zugeneigt und hat lange Tage, im anderen halben Jahr ist sie von ihr abgewandt und hat kurze Tage.
Der Äquator liegt genau in der Mitte zwischen den beiden Polen und ist deshalb nie stark zur einen oder anderen Seite geneigt. Ganz gleich, wo die Erde auf ihrer Bahn gerade steht: Der Horizont teilt den täglichen Weg der Sonne fast genau in zwei Hälften, eine über und eine unter dem Horizont. Natürlich ist es die Drehung der Erde, die uns an der Sonne vorbeiträgt; wir sprechen vom Weg der Sonne, weil wir ihn vom Boden aus so sehen. So ist der Tag an jedem Tag des Jahres knapp 12 Stunden lang.
Genau 12 Stunden sind es allerdings nicht. Weil die Atmosphäre das Licht bricht und weil der Sonnenaufgang am oberen Rand der Sonne gemessen wird und nicht an ihrer Mitte, ist der Tag am Äquator etwas länger, nämlich das ganze Jahr über rund 12 Stunden und 7 Minuten. Aus demselben Grund bekommt jeder Ort der Erde ein paar Minuten Tageslicht dazu, aber am Äquator ist das fast die einzige Abweichung von den 12 Stunden.
In Quito ist die Linie fast flach: zwischen 12 Std. 6 Min. und 12 Std. 8 Min. Tageslicht an jedem Tag des Jahres.
Die Sonne geht senkrecht auf und unter
In der Nähe der Pole streift die Sonne den Horizont in einem flachen Winkel und gleitet beim Auf- und Untergehen seitwärts. Am Äquator ist es genau umgekehrt: Morgens steigt die Sonne fast senkrecht über den Horizont, abends sinkt sie fast senkrecht hinab, nahezu im rechten Winkel.
Dieser senkrechte Weg hat nach Sonnenuntergang eine überraschende und deutlich spürbare Folge.
Mit Blick nach Westen trifft die Sonne zu den Tagundnachtgleichen in einem Winkel von 90° minus Breitengrad auf den Horizont: am Äquator fast senkrecht, weit davon entfernt schräg, und südlich des Äquators zur anderen Seite geneigt.
Die kürzeste Dämmerung der Erde
Weil die Sonne senkrecht absinkt, statt am Horizont entlangzugleiten, durchquert sie den Bereich der Dämmerung schnell. In hohen Breiten kann sich die Abenddämmerung eine Stunde oder länger hinziehen, am Äquator ist sie im Nu vorbei. Die bürgerliche Dämmerung, das noch brauchbare Licht direkt nach Sonnenuntergang, dauert hier nur gut 20 Minuten, so kurz wie fast nirgends sonst auf der Erde.
Wenn Sie schon einmal Reisende sagen hörten, in den Tropen „fällt die Sonne einfach runter, und dann ist Nacht“, dann ist das der Grund. Unsere Seite darüber, wie lange es nach Sonnenuntergang dauert, bis es dunkel ist, erklärt die Phasen der Dämmerung genauer, und über das Suchfeld oben auf dieser Seite finden Sie die genauen Zeiten von Sonnenuntergang und Dämmerung für jede Stadt.
Kein längster und kein kürzester Tag
Weil jeder Tag knapp 12 Stunden dauert, gibt es am Äquator keinen richtigen längsten oder kürzesten Tag. Die Sonnenwenden, die anderswo so viel Aufmerksamkeit bekommen, gehen fast unbemerkt vorbei. Es gibt keinen Hochsommer mit Licht bis spät in den Abend und keinen tiefen Winter, in dem es schon am Nachmittag dunkel wird.
In gewisser Weise ist jeder Tag am Äquator ein bisschen wie eine Tagundnachtgleiche, der Zeitpunkt, an dem Tag und Nacht auf der ganzen Erde fast gleich lang sind. Das andere Extrem beschreibt unser Artikel über den kürzesten Tag des Jahres: wie stark er sich unterscheidet, je weiter man sich vom Äquator entfernt.
Zweimal im Jahr steht die Sonne genau im Zenit
Der Äquator hat noch eine Besonderheit, die die meisten Menschen nie erleben. Um die Tagundnachtgleichen im März und im September steigt die Mittagssonne bis in den Zenit, den Punkt genau über Ihrem Kopf. Für ein paar Minuten um den Sonnenmittag wirft ein senkrechter Stab fast keinen Schatten, und Ihr eigener Schatten schrumpft zu einem kleinen Fleck um Ihre Füße.
Das gibt es nur zwischen den Wendekreisen, und dort zweimal im Jahr. Genau am Äquator fallen diese beiden Tage auf die Tagundnachtgleichen, im Abstand von sechs Monaten. Es ist eine dieser einfachen Sachen, die sich beim ersten Mal wirklich seltsam anfühlen.